Hier finden Sie ein paar Leseproben

Vorschau:

Der Elefant im Raum – oder warum dieses Buch existiert 

 

Es war ein Freitagabend im November, und ich saß bei einer Dinner-Party, die eigentlich ganz nett hätte sein können. Gutes Essen, interessante Menschen, angenehme Atmosphäre. Dann kam Michael. Michael ist Unternehmensberater. Das erwähnt er gerne und oft. 

Besonders gerne erwähnt er es, bevor er anderen erklärt, was sie falsch machen. 

An jenem Abend waren wir acht Leute. Michael hat sieben von ihnen korrigiert. Der achte war er selbst – aber das nur, weil Selbstgespräche in Gesellschaft noch immer als unhöflich gelten. 

Die Gastgeberin erzählte von ihrer Arbeit als Kinderärztin. Michael, der Betriebswirtschaft studiert hat, erklärte ihr, warum die Pharmaindustrie eigentlich... 

Der Gastgeber erwähnte seinen Marathon. Michael, der seit drei Jahren „bald wieder mit dem Joggen anfangen" will, erklärte ihm, warum seine Trainingsmethode suboptimal ist. 

Eine Gästin sprach über ihren Roman. Michael, dessen längster Text eine PowerPoint-Präsentation war, erklärte ihr die Struktur moderner Narratologie. 

Niemand hatte gefragt. 

Gegen 23 Uhr saßen wir alle schweigend da, tranken Wein und warteten darauf, dass Michael zur Toilette geht, damit wir uns endlich unterhalten konnten.  Als er wiederkam, erklärte er uns, warum der Wein eigentlich zu warm serviert wurde. 

 

Auf dem Heimweg fragte mich meine Partnerin: 

„Warum widerspricht ihm eigentlich niemand?" 

Gute Frage. Warum nicht? Weil wir höflich sind? 

Weil Widerspruch anstrengend ist? Weil wir insgeheim hoffen, dass er irgendwann von selbst merkt, was er ist? 

Spoiler: Er merkt es nicht. 

Besserwisser merken nämlich nie, dass sie Besserwisser sind. 

Das ist Teil ihrer Pathologie. Das ist meine Erfahrung. 

Sie halten sich für hilfsbereit. Für kompetent. Für Menschen, die der Welt einen Dienst erweisen, indem sie andere aufklären. 

Die Realität ist: Sie sind das menschliche Äquivalent eines unaufgeforderten Softwareupdates. 

Niemand will sie, sie kommen trotzdem, und hinterher funktioniert alles schlechter als vorher. 

Dieses Buch existiert, weil die Welt voller Michaels ist. 

Sie sitzen in Meetings und erklären Fachleuten deren Fachgebiet. Sie stehen in Talkshows und korrigieren Wissenschaftler. 

Sie kommentieren im Internet und wissen alles besser – obwohl Google ihre einzige Quelle ist und die stammt aus einem Blog. 

Der von jemandem geschrieben wurde, der auch nur googelt. 

Dieses Buch existiert auch aus einem anderen Grund: Weil ich, während ich über Michael nachdachte, eine unangenehme Erkenntnis hatte. 

Vielleicht bin ich manchmal auch ein Michael. 

Vielleicht sind wir alle manchmal ein Michael. 

Vielleicht ist der einzige Unterschied zwischen einem Besserwisser und einem Nicht-Besserwisser, dass der Nicht-Besserwisser es gelegentlich merkt. 

Und hier wird es philosophisch: Kann man über Besserwisserei schreiben, ohne selbst besserwisserisch zu sein? 

Kann man anderen erklären, dass sie zu viel erklären, ohne dabei in dieselbe Falle zu tappen? Ist dieses Buch nicht selbst ein monumentaler Akt der Besserwisserei? 

Wahrscheinlich. 

Aber zumindest ist es ein selbstreflexiver Akt dessen. 

 

              Und das ist immerhin ein Anfang. 

Der Besserwisser im digitalen Zeitalter – Wenn das
Internet zur Bühne wird


Es ist 23:47 Uhr. Markus liegt im Bett, scrollt durch
Twitter/ X und findet einen Tweet eines renommierten
Virologen über die neuesten COVIDForschungsergebnisse.
Der Virologe hat 30 Jahre Forschungserfahrung, mehrere Publikationen in Nature und Science, und erklärt gerade in einem
Thread ein komplexes immunologisches Phänomen.


Markus ist Versicherungsmakler. Er hat vor drei Wochen einen YouTube-Kanal über „kritisches Denken" entdeckt. Und jetzt – jetzt hat er eine Meinung.


Seine Finger fliegen über die Tastatur:
„EIGENTLICH ist das so nicht ganz richtig.
Wenn man sich die ECHTEN Studien anschaut (nicht die von Big Pharma bezahlten), dann sieht man, dass... [es folgen 280 Zeichen
pseudowissenschaftlicher Unsinn]"


Tweet abgeschickt. 23:48 Uhr.


Markus fühlt sich gut. Er hat „die Wahrheit" verbreitet. Er hat einen „Experten" korrigiert. Er ist ein Kämpfer gegen das „Establishment".
Der Virologe wird den Tweet nie sehen. Er hat 200.000
Follower und bekommt täglich hunderte solcher Kommentare.


Aber Markus' Tweet bleibt online. Für immer.
Sichtbar für jeden, der danach sucht.
Willkommen im digitalen Zeitalter der Besserwisserei.


Wo jeder eine Stimme hat. Wo jeder eine Plattform
hat. Wo jeder ein Experte sein kann – zumindest in seiner eigenen Timeline.

Die Wegbereiter


Noch schlimmer als die Schweigenden sind die Enabler (Wegbereiter)– die Menschen, die den Besserwisser aktiv unterstützen.
Sie nicken, wenn er spricht. Sie lachen über seine
„klugen Bemerkungen". Sie bestärken ihn: „Das ist ein guter Punkt!" – auch wenn es kein guter Punkt ist.
Warum tun sie das?
Oft aus Opportunismus. Der Besserwisser hat Macht – formale oder informelle. Wer sich auf seine Seite stellt, profitiert. 

Wer sich gegen ihn stellt, zahlt den Preis.


Die Opfer sehen das. Und fühlen sich noch isolierter.


Langzeitschäden: Wenn Besserwisserei
chronisch wird


Wir haben über die unmittelbaren Folgen
gesprochen. Aber was passiert, wenn Besserwisserei
zum Dauerzustand wird? Wenn man Jahre in einer
Beziehung, einem Job, einer Familie lebt, in der
ständig jemand alles besser weiß?
Die Forschung zu emotionalem Missbrauch
(Follingstad & DeHart, 2000) zeigt: Auch nichtphysische
Formen der Abwertung haben massive langfristige Auswirkungen.

©2025 Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten.

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.